Wir haben Grund, dankbar zu sein

Berlin, 13./15.08.2021/cw – Anlässlich der Enthüllung der erneuerten Mauerkreuze zwischen Reichstag und Brandenburger Tor in einer Gedenkstunde am 13. August hielt der Vorsitzende der Vereinigung 17. Juni 1953 eine Ansprache, die wir nachstehend unwesentlich gekürzt wiedergeben:

„Wenn wir hier vor Ort auf die Nennung von Parteizugehörigkeiten verzichten, dann ist dies nicht etwa dem Respekt der im Übrigen demokratischen Auseinandersetzung in den derzeitigen Wahlkämpfen geschuldet. Wir stimmen hier ausdrücklich der Bitte einer großen Bundestagsfraktion zu, – deren Mitglieder sich im Übrigen ebenfalls mit einer großzügigen Spende an der Erneuerung der Gedenkkreuze beteiligt haben – überein, die Toten der Mauer nicht in parteipolitische Auseinandersetzungen einzubeziehen. Dieser Opfer sollten und wollen wir über sonstige Differenzen und Parteigrenzen hinweg gedenken. Dafür bitten wir die hier anwesenden Politiker ausdrücklich um Verständnis.

Wir haben Grund, dankbar zu sein.

Seit nahezu 32 Jahren wird diese Stadt, wird unser Land, wird Europa nicht mehr durch Mauer und Stacheldraht getrennt, sterben nicht mehr Menschen an Mauern und Stacheldraht, die durch die eigene Stadt, durch das eigene Land gezogen worden sind.

Eine noch immer nicht gänzlich bekannte Anzahl von Frauen und Männern, ja sogar Kindern und Jugendlichen hat dieser Wille zur Freiheit und Selbstbestimmung das Kostbarste, was wir haben, das Leben gekostet. Ja, wir dürfen dankbar sein, diesem hohen  Preis entgangen zu sein, unsere Freiheit – wenn auch für Tausende oft genug über den schrecklichen Umweg der Inhaftierung in den Zuchthäusern der zweiten deutschen Diktatur – lebendig erlangt oder gar geschenkt bekommen zu haben.

Ansprache von Burkhart Dregger. Foto: Gohlke/LyrAg-Press

Aus dieser Dankbarkeit erwächst aber auch die immerwährende Verpflichtung, jener Menschen zu gedenken, die ihre Suche nach der Freiheit mit dem Leben bezahlen mußten oder – wie wir wissen, andernorts auf dieser Welt – noch immer sterben müssen. Der Tod dieser Mauer-Opfer war die permanente Mahnung an die Lebenden, sich für die Ideale dieser Menschen einzusetzen, deren Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung niemals zu vergessen.

Vielfach haben Menschen spontan, oft genug zu nächtlicher Stunde, an den Orten der Ermordung wehrloser Menschen Mahnstätten, Kreuze der Erinnerung errichtet. Es gab eine bewegende Einigkeit, diesen Akt des Gedenkens unmittelbar am Ort des Geschehens zu zelebrieren.

„Wir können aus der Mauer keinen Friedhof machen“

Persönlich denke ich da – als ein Beispiel – an die Blumenhändlerin Irmgard Klatt in der Bernauer Straße, zu der wir, eine kleine Gruppe von Aktivisten, oft genug auch nach 22:00 Uhr gehen durften, um ein Blumengebinde oder gar einen Kranz  für einen kurz zuvor ermordeten Flüchtling zu bestellen. Diese großartige Einigkeit über Parteien hinweg drohte allerdings schon wenige Jahre nach Errichtung der Mauer zu zerbröseln. Erinnert sei an den damaligen Bürgermeister Willy Kressmann („Texas-Willy“) in Kreuzberg, der sich gegen diese Form des Gedenkens aussprach: „Wir können aus der Mauer keinen Friedhof machen,“ und darüber mit Willy Brandt in eine heftige Auseinandersetzung geriet.

Der Berliner Bürgerverein wählte schließlich einen neuen Weg, um diesem Anspruch auf ein Gedenken an diese unfasslichen Morde und der auf der Flucht Verunglückten gerecht zu werden. Der Verein stellte ab 1970 neben der Ruine des Reichstages, zur Seite des Spreeufers hin und gegenüber der wenige Meter davon entfernten Mauer für die Todesopfer die legendär gewordenen „Weißen Kreuze“ auf. Name und Todesdatum sollte jedwedem Besucher die Opfer in stete Erinnerung bringen.

1992, als der Umzug des Bundestages von der provisorischen in die tatsächliche und historische Hauptstadt anstand, sollten die Kreuze den geplanten Umbaumaßnahmen weichen.

Auch hier reagierte der Berliner Bürgerverein beispielhaft und verlegte die Kreuze gegen mancherlei Widerstände hierher, an ihren heutigen Standort.

Zum 60. Jahrestag des Mauerbaus haben wir von der Vereinigung 17. Juni, es für notwendig gehalten, diese Gedenkkreuze zu erneuern. Unter dem Label „Den Opfern ein Gesicht geben“ haben wir beschlossen, den bisherigen Todesdaten und Namen das jeweilige Geburtsdatum, ein Portrait und eine kurze Biografie beizufügen. Bereits nach der Aufstellung der ersten acht erneuerten Kreuze konnten wir eine so kaum erwartete Resonanz bei Besuchern und Touristen feststellen.

Große Zustimmung aus fünf der sechs Bundestagsfraktionen

Wo man bisher mehr oder weniger schnell vorbeiging – sind wir ehrlich: Name und Sterbedatum vermitteln nun einmal keine Identifikation mit einem Schicksal – da blieben junge wie alte Besucher stehen und lasen interessiert die Biografien, schauten in die Gesichter der nun sichtbaren Opfer. Es entstanden auch viele Gespräche und Diskussionen. Sie können sich vorstellen, daß wir uns in unserem Anliegen voll bestätigt sahen und sehen.

Enthüllung des Kreuzes für Günter Litfin durch den Künstler Alfons Regnet. – Foto: Gohlke/LyrAg-Press

Ohne die vielfache und durchaus in diesem Umfang unerwartete Zustimmung aus mehreren Fraktionen des Deutschen Bundestages,  ohne diese verbale und auch durch nennenswerte  Spenden unterstrichene Zustimmung von Abgeordneten aus diesen Fraktionen hätten wir diese selbst gestellte Aufgabe kaum – vor allem kaum so schnell – umsetzen können. An dieser Stelle sowohl an diese Fraktionen, deren Abgeordnete sowie auch den anderen Spendern unseren herzlichen Dank!

Wir sehen  erwartungsvoll den Ergebnissen zugesagter Bemühungen durch zwei große Fraktionen entgegen, nach denen diese die Staatsministerin für Kultur, Frau Prof. Monika Grütters, bitten wollen, unser Vorhaben nachdrücklich auch finanziell zu unterstützen. So würden – und könnten – wir auch gerne die Weißen Kreuze am Spreeufer ebenfalls erneuern, den dort aufgeführten Opfern der Mordmauer ebenfalls „ein Gesicht“ geben.

Als Beispiel für die privaten Spender darf ich hier noch einmal den ehemaligen Fluchthelfer Dr. Burkhart Veigel anführen, der ohne „Wenn“  und „Aber“ sofort der Bitte um Unterstützung entsprach. Auch unser ehemaliger Geschäftsführer Joachim Fritsch, überwies ohne zu zögern eine größere Summe. Wenige Wochen später mußten wir ihn  auf seinem letzten Weg begleiten. Wir wissen aber, wie gerne er an dieser Gedenkstunde teilgenommen hätte.

Viele Reden zu den Gedenktagen werden oftmals als „Heuchelei“ empfunden

Aber erlauben Sie mir trotz dieser Gedenkstunde auch einige kritische Anmerkungen. Viele Reden der Politik zu den Gedenktagen, wie zum  17. Juni 1953  (Volksaufstand)  oder 13.August 1961 (Mauerbau) werden von einst Betroffenen vielfach als Heuchelei empfunden, was tiefere Ursachen hat. In der sogenannten „Berliner Republik“ – seit 3. Oktober 1990 – werden die Verbrechen  der  zweiten deutschen Diktatur  zunehmend  verschwiegen – „Es muss endlich Schluss sein!“  – oder ebenfalls Besorgnis erregend – „klein“ geredet, so das vielfache emotionale Empfinden einst von der zweiten Diktatur unmittelbar Betroffener.

Aufmerksame Zuhörer: Jens Planer-Friedrich (Links im Bild) vom Büro des Landesbeauftragten, vor den Diakonissen zwei Bundestagsabgeordnete, Eberhard Diepgen (Mitte). Wegen der CORONA-Auflagen mußte die Teilnehmer Abstände einhalten, daher sind nicht alle der rund 50 Besucher im Bild zu sehen. – Foto: Gohlke/LyrAg-Press

Erwiesene Schützen an der Mauer, also Mörder – wurden auf Bewährung „verurteilt“. Opfer der Diktatur können nur schwerlich nachvollziehen, das das Bundesverfassungsgericht dafür die rechtliche Basis geschaffen hat, als es die Rechtsinstanzen darauf hinwies, in ihren Urteilen die seinerzeitige Befehlsstruktur zu berücksichtigen, nach denen die Posten an der Mauer nur „unten angesiedelte Befehlsempfänger“ waren, während die entscheidenden Befehle „von oben“ gekommen seien. Aufgrund dieser Verfassungsgerichtsentscheidung kamen die unmittelbaren, also die den jeweiligen Mord ausführenden Täter, davon.

Wir  NKWD-,   Stasi-  und  Angehörige der Mauer-Opfer  tun  uns immer noch schwer, die  Mitwirkung  der  dafür verantwortlichen Partei  (unter neuem Namen) in der Politik nach 1990  zu  akzeptieren. Wir sehen darin eine  unzulässige  Wiederholung der Fehler nach 1945,  als  die  einstigen  Täter  in die Politik und  Administration  der  neuen  Republik eingebunden wurden, statt  sie  strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen. Wir sind beunruhigt über herbeigeredete „Maßstäbe für demokratisches Verhalten“, die klar erkennbar sehr unterschiedlich interpretiert und umgesetzt werden. Kann Demokratie so auf Dauer beispielhaft und glaubwürdig bleiben? Gefährdet dieser als „Doppelmoral“ empfundene Weg, diese unterschiedliche Klassifizierung von Diktatur nicht die Grundlagen unserer freiheitlichen Ordnung, unserer so wichtigen Demokratie?

Noch immer andauernde Kämpfe um Rehabilitierung von Opfern

Als Heuchelei empfinden wir auch die Tatsache, dass 31 Jahre nach der Wiedervereinigung noch Menschen  um  ihre Rehabilitierung kämpfen müssen. So eine Frau, die im Alter von zwei Monaten durch die Mauer von ihren Eltern ganze elf Jahre getrennt wurde. Die Diktatur erhoffte sich durch dieses lebendige Faustpfand, der Eltern als Staatsfeinde habhaft zu werden.

Als Heuchelei wird von Betroffenen die Ausreichung einer „sozialen Zuwendung“, gebunden an aktuelle Einkommensverhältnisse, in Höhe von anfänglich 250 € empfunden, während dagegen die Minister der letzten DDR-Regierung für eine Amtszeit von nicht einmal sechs Monaten eine „Ehrenpension“ in Höhe von 600 € zugesprochen wurde, die ab 2007 regelmäßigen Steigerungen unterliegt und auf deren Ehepartner vererbbar ist.

Diese Beispiel seien hier und heute nur deswegen angeführt, um Verständnis dafür zu wecken, dass viele Bekenntnisse von Politikern von den einst Diktatur-Betroffenen als Heuchelei empfunden werden.

Wir lehnen Verhöhnung und Verhassung von und gegen Menschen ab

Um auch hier keine, leider ebenfalls oft herbeigeredeten Missverständnisse aufkommen zu lassen: Als einstige  Opfer der Diktatur  stehen wir  trotz dieser beschriebenen und von uns schmerzlich empfundenen Differenzen uneingeschränkt für die Freiheit, für Demokratie und Rechtstaatlichkeit. Wir verachten jede Form einer wie immer gearteten braunen, roten oder andersfarbigen Diktatur.

Christa Kaminski (re.) die Lebensgefährtin des unerwartet verstorbeen ehem Geschäftsführers Joachim Fritsch vor dem Kreuz, das an den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 erinnert und auf dem Fritsch als Pate eingertragen ist. Links im Bild die Vorstandsmitglieder Tatjana Sterneberg ud Carl-Wolfgang Holzapfel. – Foto: Gohlke/LyrAg-Press

Wir lehnen  Denk-  und  Meinungsschablonen  ebenso ab,  wie die  Verunglimpfung, Diskriminierung oder gar Verfolgung Andersdenkender. Im  Sinne der Opfer totalitärer Gewalt sind für uns die Unverletzlichkeit der  Würde des Menschen,  die etwaige Verfolgung totalitärer Ziele  und die Verhöhnung oder Verhassung von Menschen wegen ihrer Rasse,  Religion, ethnischen oder  nationalen  Zugehörigkeit oder eines nichtkonformen Denkens die „roten Linien“, die unvereinbar sind  mit jedweder ansonsten für eine freiheitliche Ordnung unabdingbaren Toleranz.

In diesem Sinn dürfen wir aus voller Überzeugung und parteiübergreifend heute, am 60. Jahrstag des unmenschlichen Mauerbaus vom 13. August 1961 an diesem Ort feststellen:

Die Opfer der Mauer, der Teilung Berlins, Deutschlands und Europas,  die Opfer der  zweiten  Diktatur  in unserem Land dürfen ebenfalls niemals vergessen werden.“

                                       Redetext: ©2021 VEREINIGUNG (AK) 17. JUNI 1953 e.V.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.663).

Veröffentlicht von redaktionhoheneckerbote

1944 im schlesischen Bad Landeck (heute Polen) geboren, in Berlin aufgewachsen. Erstes Interesse für Geschichte und Politik durch Ungarn-Aufstand 1956. 1958 Deutschlandpapier zur möglichen Lösung der "Deutschen Frage". Ab 1961 Gewaltloser Kampf gegen die (Berliner) Mauer. 1965 Verhftung durch DDR-Organe am Checkpoint Charlie nach Demo für die Freilassung politischer Gefangener in der DDR; 1966 Urteil in Ost-Berlin: 8 Jahre Zuchthaus; Oktober 1966 Freikauf. Bis 1989 weiterhin Demos an der Mauer in Berlin; am 13.08.1989 "Der Mann vom Checkpoint Charlie". Anfang der sechziger Jahre erste eigene Veröffentlichungen in Druck-Medien. Seit 2011 im Internet unter Redaktion Hohenecker Bote.

2 Kommentare zu „Wir haben Grund, dankbar zu sein

  1. „Wir haben Grund, dankbar zu sein…“.

    Haben wir diesen Grund? Und wer ist wir? Die Opfer von DDR-Unrecht, die sich nach vorn gedrängelt haben um im Licht der Öffentlichkeit zu stehen? Oder die vergessenen, ignorierten und ausgegrenzten Opfer?

    Dankbar auch für eine Wiederholung der Diffamierung und Repression gegen Andersdenkende in diesen Tagen?

    Nein, es gibt keinen Grund zur Dankbarkeit. Es gibt nur die Verpflichtung, die neuerlichen Angriffe auf Andersdenkende zu verurteilen.

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