Annerose Matz-Donath: Ein Juwel des ehrlichen Journalismus feiert biblischen Geburtstag

Bonn/Berlin, 29.08.2021/cw – Am heutigen Sonntag feiert „ein Juwel des ehrlichen Journalismus einen biblischen Geburtstag“, so der Wortlaut einer Gratulation der Vereinigung 17. Juni in Berlin an die einstige Journalistin und Buchautorin (u.a. „Die Spur der Roten Sphinx“) Annerose Matz-Donath, die auf 98 vollendete Lebensjahre zurückblicken kann.

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Gratulation, hochverehrte Annerose Matz-Donath!!! Im Bild Brandenburgs Landtagspräsidentin Britta Stark mit der Jubilarin am 12.01.2016 in Potsdam

Die Jubilarin, die seit einigen Jahren in einer Senioren-Residenz in Bonn wohnt, kann auf einen Lebenslauf verweisen, der eng mit der deutsch-deutschen Geschichte eng verwoben ist.  Matz-Donath war in der NS-Zeit „politisch nicht engagiert“ und begann noch während des 2. Weltkrieges Studien der Publizistik, Geschichte und Germanistik in ihrer Geburtsstadt Leipzig. Im Sommer 1944 erfuhr sie durch Zufall Näheres über die Konzentrationslager. Dies war für die 1943 Mutter einer Tochter gewordene gerade einundzwanzigjährige junge Frau ein „Erkenntnisschock“, wie sie das später beschrieb.

So war es für sie folgerichtig, sich nach der Kapitulation der NS-Diktatur am „Aufbau eines demokratischen, politisch-sittlich neuen Deutschlands“ aktiv zu beteiligen. Da die Universitäten zunächst alle geschlossen waren, bemühte sich Matz-Donath um eine Stelle als Journalistin. Kenntnisse hatte sie bereits während ihrer Studienzeit im Praktikum bei den Leipziger Neuesten Nachrichten erworben. Ihr so begonnener journalistischer Weg führte sie schließlich nach vielen vergebliche Bemühungen zur Liberal-Demokratischen Zeitung in Halle/Saale, wo sie 1946 ein Volontariat begann.

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Die Jubilarin war in mehreren Haftanstalten der DDR inhaftiert. Hier Blick auf den Innenhof des ehem. Frauenzuchthauses Hoheneck. Foto: LyrAg-Press

Bedingt durch die Nachkriegswirren arbeitete sie real von Anfang an als vollwertige Redakteurin. Im Herbst 1947 wurde sie sogar schon stellvertretende Chefredakteurin, nach dem der bisherige Chefredakteur in den Westen geflüchtet war. Nunmehr war Matz-Donath bereits verantwortlich für das Ressort Politik.

Als engagierte Journalistin wurden ihr bald die Grenzen ihrer Tätigkeit bewußt. Die Zensuroffiziere der Sowjetische Militäradministration griffen nachhaltig in die Inhalte ein, sodass sogar schon Formulierungen wie „Warmer Westwind“ der strikten Überwachung zum Opfer fielen. Schon bald stellte Matz-Donath für sich fest, dass die LDP (Liberal-demokratische Partei) und deren Zeitung der beherrschenden SED praktisch nur als Feigenblatt diente (Walter Ulbricht: „Es muss alles demokratisch aussehen, aber wir müssen das Heft in der Hand behalten.“). Diesen Zustand konnte und wollte sie vor sich selbst nicht mehr rechtfertigen.

Über einen einst Beteiligten am gescheiterten Attentat auf Hitler, der zu ihrem Bekanntenkreis gehörte, übermittelte sie Informationen an den Amerikanischen Oberkommandierenden General Lucius D. Clay. Dieser sollte nach ihren Vorstellungen seine Kenntnisse gegenüber der Sowjetischen Administration im konstruktiven Sinn verwenden.

Diese oppositionelle Haltung blieb nicht unbemerkt, und so verlor Matz-Donath Anfang 1948 ihre Stellung. Dennoch gelang es der immer mutiger werdenden Frau, beim Parteivorstand der LDP ihre Wiedereinstellung zu erreichen. Ihre kurzzeitigen  Vorgänger, die aus der Zeitung ein reines Hetzblatt der SED gemacht hatten, wurden nunmehr entlassen. Schnell mußte sie jedoch erkennen, dass dies ein Pyrrhussieg war. Schon wenige Monate nach ihrer Wiedereinsetzung wurde die Redakteurin von der sowjetischen Geheimpolizei verhaftet. Auch Annerose Matz-Donath mußte nun den Leidensweg tausender aus politische Gründen Verfolgter gehen.

Annerose Matz-Donath (4. v.li.) am 12.01.2016 im Landtag Brandenburg – Ausstellungseröffnung „Der Dunkle Ort“. Im Bild Ulrike Poppe (5.v.li.), Roland Jahn, Britta Stark (Landtagspräsidentin) und Tatjana Sterneberg (ehem. Hoheneckerin), zweite Reihe: Weitere ehem. Hoheneckerinnen –
Foto: LyrAg-Press

Nach Durchleidung unmenschlicher Haftbedingungen und mit Folter verbundenen Verhören wurde sie am 23. Oktober 1948 wegen „Spionagetätigkeit“ zu 25 Jahren Arbeitserziehungslager verurteilt. Anmerkung: Ihr Ehemann war seit 1948 im Westen und ließ sich später, während sie inhaftiert war, scheiden.

Die Haftstationen lesen sich im Nachhinein wie ein „Who is who“ der Verfolgungsgeschichte der SED-DDR: Nach dem Gefängnisaufenthalt in Halle kam Matz-Donath zwztl. in das Speziallager Sachsenhausen, einem durch die Sowjets bis 1950 weiterbetriebenen ehemaligen NS-KZ, von dort über (erneut) Halle nach Bautzen, um schließlich im Sommer 1950 in das legendäre Frauenzuchthaus Hoheneck verbracht zu werden.

Nach einem Hungerstreik durch Gefangene im Oktober 1953 wurde die damals Dreißigjährige mit 52 anderen Frauen als „Rädelsführerin“ ins Gefängnis Brandenburg-Görden überführt, von wo sie 1956 wieder nach Halle verlegt wurde. Bei allen folgenden Amnestierungen und trotz vielfacher Bemühungen auch durch die Regierung der Bundesrepublik, wurde Matz-Donath erst am 25. Oktober 1959 entlassen. Nach ihrer im gleichen Jahr erfolgten Flucht in den freien Teil Deutschlands konnte sie für viele Jahre bei der Deutsche Welle arbeiten, wo sie zeitweise auch für das russische Programm verantwortlich war.

Die engagierte Frau, die seit 1970 wieder verheiratet war, musste 1986 aufgrund der in der langen Haftzeit entstanden Gesundheitsschäden vorzeitig in den Ruhestand gehen. Ab 1990 forschte sie in deutschen und russischen Archiven zum Schicksal verfolgter Frauen in der kommunistischen Diktatur. Die Ergebnisse, ergänzt um 130 Interviews mit Zeitzeuginnen, veröffentlichte sie im Jahr 2000 in ihrem bekanntesten Buch Die Spur der roten Sphinx.

Annerose Matz-Donath hatte schon kurz nach ihrer Freilassung 1960 hatte mit Notizen zu diesem späteren Buch begonnen. Allerdings war es zu dieser Zeit unmöglich, gegen den später in der 1968-Bewegung aufkommenden Zeitgeist anzukommen, als es nicht opportun war, sich zu Verbrechen des Kommunismus zu äußern oder diese zu benennen. Auch war es in dieser Zeit schwer, als unbekannte ehemalige Inhaftierte einen Verlag zu finden.

Annerose Matz-Donath präsentierte ihr Buch (Neuauflage) 2015 auch in der Buchhandlung Lindner in Stollberg – Foto: LyrAg-Press

Authentisch werden in dem wichtigen  Werk die Inhaftierung Tausender Frauen, die meist ohne Gerichtsurteil eingesperrt wurden, geschildert. Die über 1000 dort geborenen Kinder, welche ihren Müttern nach der Geburt entrissen wurden, werden ebenso angeführt, wie Schicksale von ca. 1000 Kindern ab neun Jahren, die im „Speziallager Nr.2 Buchenwald“ inhaftiert waren. Von über 10.000 unschuldig inhaftierten Jugendlichen überlebten laut sowjetischer Akten fast 3500 die Lagerhaft nicht. Es habe zwar keine geplanten Massenmorde in den Lagern gegeben, die Lagerbedingungen waren  mit Hunger, Entkräftungen sowie unbehandelten Krankheiten und Seuchen aber „als perfekte Sterbehilfe“ organisiert. In dem Buch geht die Autorin eindrucksvoll auch auf die nicht gewährte Hilfe und Haftentschädigung für viele der vorher unschuldig Eingesperrten durch die Bundesrepublik Deutschland ein.Immerhin wurde der Druck des Buches von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert.

Seit 1991 engagiert sich die heutige Jubilarin in verschiedenen Gruppen ehemaliger Häftlinge und stand bis vor Kurzem als Referentin zur Verfügung. Am 21. Juni 1993 wurde sie von der Militär-Generalstaatsanwaltschaft in Moskau rehabilitiert.  Man habe sie „schuld- und grundlos verhaftet“ und „rechtswidrig, aus politischen Gründen“ verurteilt, hieß es in der Rehabilitationsurkunde.

Zu ihren durchstandenen Erfahrungen in der DDR äußerte sie sich im Rückblick:

Geblieben ist nichts als unser teuer bezahltes gutes Gewissen. Wir kämpften tapfer gegen die gleiche Art der Vergewaltigung von Menschen und Recht, wie sie schon in der Nazizeit stattgefunden hatte. Und niemand kann uns den Vorwurf machen, dass wir ein zweites Mal willig mitgelaufen sind.“

Die Redaktion, die Vereinigung 17. Juni 1953 in Berlin sowie zahlreiche ehemalige Hoheneckerinnen gratulieren der Jubilarin herzlich, übersenden Gottes Segen und alle guten Wünsche für Gesundheit und Wohlergehen!

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.664).

Veröffentlicht von redaktionhoheneckerbote

1944 im schlesischen Bad Landeck (heute Polen) geboren, in Berlin aufgewachsen. Erstes Interesse für Geschichte und Politik durch Ungarn-Aufstand 1956. 1958 Deutschlandpapier zur möglichen Lösung der "Deutschen Frage". Ab 1961 Gewaltloser Kampf gegen die (Berliner) Mauer. 1965 Verhftung durch DDR-Organe am Checkpoint Charlie nach Demo für die Freilassung politischer Gefangener in der DDR; 1966 Urteil in Ost-Berlin: 8 Jahre Zuchthaus; Oktober 1966 Freikauf. Bis 1989 weiterhin Demos an der Mauer in Berlin; am 13.08.1989 "Der Mann vom Checkpoint Charlie". Anfang der sechziger Jahre erste eigene Veröffentlichungen in Druck-Medien. Seit 2011 im Internet unter Redaktion Hohenecker Bote.

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