Anneliese Gabel: Ehemalige Hoheneckerin verstorben

Berlin, 03.09.2021/cw – Dieses Datum hat Anneliese Gabel nie vergessen: Am 10. März 1947 standen plötzlich Russen vor ihrer Tür und verhafteten die Zwanzigjährige. Ihr wurden Bekanntschaften zu kritische Studenten an der Humboldt-Universität zum Verhängnis. Und so stand die junge Frau alsbald vor einem sowjetische Militärtribunal. Der Vorwurf: „Mitglied einer illegalen Untergrundorganisation“. Das Urteil: Todesstrafe. Heute erhielten wir die Nachricht von ihrem Tod. Sie wäre am 12. Dezember  94 Jahre alt geworden. Die ehemalige Hoheneckerin wird am kommenden Montag, 6. September um 11:30 Uhr auf dem Friedhof der Dorfkirche Berlin-Schmargendorf beigesetzt.

Anneliese Gabel, 1927 – 2021

Anneliese Gabel wollte Augenoptikerin werden und hatte kurz vor ihrer Verhaftung eine Lehre begonnen. Nach ihrer Verurteilung gelangte Anneliese Gabel über  die Lager Bautzen und Sachsenhausen in das berüchtigte DDR-Frauenzuchthaus Hoheneck/Stollberg. 1950 wurden mehr als 1.000 Frauen in Viehwaggons nach Hoheneck verbracht. Das Zuchthaus war zu dieser Zeit für 600 Häftlinge ausgelegt. Besonders schlimm empfand Gabel die Gleichstellung mit Kriminellen, darunter auch Mörderinnen durch die gemeinsame Unterbringung in Zellen, die mit 20 bis 30 Gefangenen belegt waren.

Anneliese Gabel war nie „Teil einer Untergrundbewegung“, wie ihr das vorgeworfen wurde. Ihr fiel es zeitlebens immer schwer, über diese ihr Leben prägenden Ereignisse zu sprechen. Sie hätte es gern vergessen, konnte es aber nicht: „Wenn man als Mensch, dazu noch unschuldig, wie der letzte Dreck behandelt wird, vergisst man das nie.“

Ihr Todesurteil war in 25 Jahre Zwangsarbeit umgewandelt worden. In Hoheneck musste Gabel Zwangsarbeit in der Schneiderei verrichten, stach Tag für Tag Knopflöcher in diverse Textilien.

Damals baute sich Anneliese Gabel ein Schutzschild auf. Die Kameradschaft trug die junge Frau in dieser schweren Zeit. Sie sang schließlich im Häftlingschor mit und fand Trost bei älteren Insassinnen. Hier erinnerte sie sich zeitlebens besonders an eine Mutter von sechs Kindern, die für sie da war.

1953, nach Stalins Tod, keimte so etwas wie Hoffnung auf. In der UdSSR wurden viele deutsche Gefangene aus den Lagern entlassen, darunter auch der Hauptangeklagte aus der Studentengruppe der Humboldt-Uni, wie Gabel einer Parteizeitung entnahm, die die gefangenen Frauen lesen durften,. Gemeinsam mit anderen Insassinnen trat sie schließlich in einen Hungerstreik. Die Streikenden wollten mit den Russen sprechen, da ihre Akten in Moskau lagen.

Der Streik brachte nicht den erhofften Erfolg. Erst knapp zwei Jahre später, am 5. Mai 1955, durfte Anneliese Gabel Hoheneck verlassen. Damals hegte sie nur einen Wunsch: „Nie mehr hungern, nie mehr frieren, keine Nachtschicht mehr.“ Sie verließ die DDR und ging in den Westen. Später wurde sie Inhaberin einer Handelsagentur in Dortmund.

Die letzten Lebensjahre verlebte Anneliese Gabel in einem seriösen Ruhesitz nahe dem Hohenzollerndamm in Berlin, wo sie verstarb.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck – Berlin, Mobil: 0176-48061953 (1.665).

Veröffentlicht von redaktionhoheneckerbote

1944 im schlesischen Bad Landeck (heute Polen) geboren, in Berlin aufgewachsen. Erstes Interesse für Geschichte und Politik durch Ungarn-Aufstand 1956. 1958 Deutschlandpapier zur möglichen Lösung der "Deutschen Frage". Ab 1961 Gewaltloser Kampf gegen die (Berliner) Mauer. 1965 Verhftung durch DDR-Organe am Checkpoint Charlie nach Demo für die Freilassung politischer Gefangener in der DDR; 1966 Urteil in Ost-Berlin: 8 Jahre Zuchthaus; Oktober 1966 Freikauf. Bis 1989 weiterhin Demos an der Mauer in Berlin; am 13.08.1989 "Der Mann vom Checkpoint Charlie". Anfang der sechziger Jahre erste eigene Veröffentlichungen in Druck-Medien. Seit 2011 im Internet unter Redaktion Hohenecker Bote.

3 Kommentare zu „Anneliese Gabel: Ehemalige Hoheneckerin verstorben

  1. Sie möge in Frieden ruhen.
    Nun kommt die Zeit, dass wir uns alle Mann für Mann verabschieden. Das bringt das Alter mit sich. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir unseren Nachkommen die Erinnerung an diese grausame Diktatur vermitteln.

    Gefällt mir

  2. Anneliese ist das 1.Opfer, welches in „Der dunkle Ort“ geschildert worden ist. Sie hat ein schweres und tapferes Leben gelebt. Aber was kümmert heute dieses Leben und das Leben anderer schon die deutsche Bevölkerung!
    Einzelne, wie Euch … schon, aber das Gros der Menschen ist geschichtsvergessen und ohne Empathie, eingeschlossen die Politiker. Diese Tatsache ist sehr tragisch. Und die Täter von einst leben unbescholten unter uns, und keinen stört es.

    Gefällt mir

  3. „Deshalb ist es umso wichtiger,dass wir unseren Nachkommen die Erinnerung an diese grausame Diktatur vermitteln.“ – Eine wichtige Erkenntnis,die leider durch Geschichtsklitterung und fehlende Empathie keine Beachtung beim Gros der Menschen findet. Solange dieses längste und blutigste Kapitel der Neuzeit zugunsten der NS-Ära verdrängt oder verharmlost wird, drohen wir zu einer orientierungslosen Spaß- und Spielgesellschaft zu verkümmern.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: