13. August 1961: Nicht nur eine Frage historischer Erinnerung

Von Beatrix von Storch*

Berlin, 14.09.2021/cw – Die Fraktionsvorsitzenden im Abgeordnetenhaus von Berlin, Burkard Dregger und Antje Kapek sowie Beatrix von Storch, Mitglied des Deutschen Bundestages, hielten kurze Ansprachen auf der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag des Mauerbaus am 13.08.2021. Frau von Storch hat uns jetzt den Text ihrer Ansprache zur Verfügung gestellt, den wir hier im Nachtrag zu unserem Bericht über die Gedenkfeier veröffentlichen. Anlass der Gedenkfeier war die Enthüllung der von der Vereinigung 17. Juni erneuerten  „Weißen Holzkreuze“ in der Ebertstraße nahe dem Reichstag: „Den Opfern ein Gesicht geben“. Die Redaktion.

„Die Mauer war ein Schandmal der Geschichte. Heute sind ihre Reste ein Mahnmal. Eine Nation wurde gespalten. Die Bürger wurden eingesperrt. Wer die DDR verlassen wollte, riskierte Gefängnis und Tod. Dass wir heute sechzig Jahre danach den Opfern des SED-Regimes Gedenken ist nicht nur eine Frage historischer Erinnerung. Es ist eine Mahnung für die Gegenwart. Vor allem geht es um die Erkenntnis, die wir daraus ziehen.

Die Mauer war kein Unfall der Geschichte. Keine Verirrung einzelner sozialistischer Staatschefs in Ost- Berlin und Moskau. Sie war die logische, fast notwendige Konsequenz des sozialistischen Regimes. Sozialismus beruht niemals auf Freiwilligkeit, sondern immer auf Zwang und Unterdrückung.

Der große liberale Politiker Eugen Richter veröffentlichte im Jahr 1890 ein Buch „sozialdemokratische Zukunftsbilder. Frei nach Bebel“. Das Buch war eine Polemik gegen den Sozialismus seiner Zeit. Vor allem war es eine scharfe Analyse. Er beschreibt dort wie die gut gemeinte Idee des Sozialismus zu einem totalitären Regime führt, dass am Ende die Freiheit abschafft, die Wirtschaft an die Wand fährt und die Ausreise streng bestraft. Nicht wenige haben in Eugen Richters Ausführungen eine visionäre Beschreibung der späteren DDR gesehen.

Die Mauer ist das Symbol für das Scheitern des Sozialismus. Die Sozialisten versprechen das Paradies auf Erden und sie enden damit, dass sie die Bürger mit Gewalt daran hindern müssen, nicht aus diesem vermeintlichen sozialen Paradies zu flüchten. In der Bibel heißt es: „An ihren Früchten also werdet ihr sie erkennen.“ Denn schlechter Baum könne keine guten Früchte hervorbringen.

Die Mauer, der Stacheldraht, die Selbstschussanlagen, die politischen Gefangenen – das sind die Früchte des Sozialismus. Einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, von dem einige träumten, den gibt es nicht. Jedes sozialistische Experiment wird so enden: Mit Armut, mit Unterdrückung und Verfolgung. Die Mauer und diese Kreuze bleiben Anker der Erinnerung, die uns dazu bringen, das nie zu vergessen.

Die Bürger, die an der Mauer ihr leben ließen, sind Helden der Freiheit. Die Freiheit war ihnen so kostbar, dass sie alles riskiert und alles geopfert haben. Wenn die Erinnerung an sie dazu führt, dass wir selbst die Freiheit höher schätzen, uns durch keine Macht einschüchtern lassen und mit ganzem Mut bereit sind, sie zu schützen, dann war ihr Tod nicht umsonst. Es gibt eine Geschichte der Freiheit in Deutschland und sie, die Opfer der Berliner Mauer, sind ein Teil dieser Geschichte, unserer Geschichte, und das werden sie immer sein. Nehmen wir uns an ihnen ein Beispiel: Für die Freiheit, für die Demokratie, für Deutschland.“

* Die Rednerin ist stellvertretende Fraktionsvorsitzende und Mitglied im Deutschen Bundestag.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.667).

Veröffentlicht von redaktionhoheneckerbote

1944 im schlesischen Bad Landeck (heute Polen) geboren, in Berlin aufgewachsen. Erstes Interesse für Geschichte und Politik durch Ungarn-Aufstand 1956. 1958 Deutschlandpapier zur möglichen Lösung der "Deutschen Frage". Ab 1961 Gewaltloser Kampf gegen die (Berliner) Mauer. 1965 Verhftung durch DDR-Organe am Checkpoint Charlie nach Demo für die Freilassung politischer Gefangener in der DDR; 1966 Urteil in Ost-Berlin: 8 Jahre Zuchthaus; Oktober 1966 Freikauf. Bis 1989 weiterhin Demos an der Mauer in Berlin; am 13.08.1989 "Der Mann vom Checkpoint Charlie". Anfang der sechziger Jahre erste eigene Veröffentlichungen in Druck-Medien. Seit 2011 im Internet unter Redaktion Hohenecker Bote.

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