Bundestagswahl 2021:

Wer nicht wählt, gibt dem politischen Gegner die Stimme

Berlin, 25.09.2021/cw – Es stand dieser Tage in einer eigentlich seriösen Zeitung: Strategische Wahlen seien nicht möglich. Tatsächlich? Kommt es nicht gerade in Zeiten großer Unsicherheiten darauf an, methodisch vorzugehen, nicht einfach Kreuze aus dem Gefühl heraus zu machen, also „strategisch“ zu wählen? Doch wie soll das funktionieren? Hier der Versuch einer Antwort.

Einem Spatzen (re. im Bild) können Sie den Kuchen verweigern, dem politischen Gegner hingegen nicht die Nutznießung aus Ihrem Wahlverhalten oder gar Wahlverweigerung – Foto: LyrAgPress

Erster Schritt: Links, Rechts oder Mitte

Sie entscheiden für sich, welche grundsätzliche Entscheidung Sie am Wahlsonntag treffen möchten: Wollen Sie eine links-orientierte, ein rechts-orientierte oder eine Gruppierung oder Partei der Mitte wählen, letztlich einer solchen Regierungsbildung eine Chance geben?

Zweiter Schritt: Welche Partei/Gruppierung kommt gar nicht infrage

Sie sortieren gedanklich alle Parteien oder Gruppierungen aus, die für Sie grundsätzlich überhaupt nicht für Ihre Stimmabgabe infrage kommen. Dann wenden Sie sich den übrig gebliebenen Parteien und Gruppierungen zu und prüfen, welche Ihren Vorstellungen am ehesten entsprechen.

Erststimme: Nicht unbedingt der Wunschkandidat

Sie wählen mit Ihrer Erststimme ausschließlich eine/n Kandidat/In. Alle anderen Erststimmen, die nach dem/der MehrheitsführerIn in Ihrem Wahlkreis Stimmen auf sich vereinen konnten, sind buchstäblich verloren.

Sie tendieren persönlich – aus vielfältigen Gründen – zu Klara oder Werner Mayer? Sie sind aber letztlich unsicher, ob Mayer es schafft, die meisten Stimmen auf sich zu vereinen, um  als Erst-Stimmen-KandidatIn den Wahlkreis zu gewinnen?

Jetzt greift Ihre Grundsatzentscheidung: Links, Rechts oder Mitte. Damit Ihre Erststimme nicht verloren geht, geben Sie Ihre Erststimme dem Kandidaten, der im Vergleich zu Ihrer persönlichen Zuneigung die größte Aussicht hat, das von Ihnen auserwählte „Lager“ durch seine Wahl zu stärken.

Denn einmal ehrlich gefragt: Was nutzt Ihnen das Ankreuzen Ihres Wunschkandidaten, wenn dieser nicht gewählt wird? Ihre Stimme wäre verschenkt.

Zweitstimme: Sie entscheiden sich für Ihre Wunschpartei(-Gruppierung)

Im Gegensatz zu Ihrer Erststimme haben Sie hier die Möglichkeit, Ihre Herzens- oder Wunschpartei zu wählen, da Ihre Stimme der jeweils aufgestellten Partei-Liste zugute kommt.

Das wird bei einer Partei oder Gruppierung in Ihrem Sinn funktionieren, wenn  diese bisher im Bundestag (oder Abgeordnetenhaus) vertreten war, also gute Aussichten hat, weiterhin im jeweiligen Parlament vertreten zu sein.

Wenden Sie sich allerdings einer Partei oder Gruppierung zu, die zum Beispiel erstmals zur Wahl antritt oder aber in vorausgegangenen Wahlen nicht den Funken einer Chance auf Überwindung der sogen. „5%-Grenze“ (Mindestanteil an Stimmen) hatte, stehen Sie hier vor dem (möglichen) Problem, auch hier Ihre Stimme zu verschenken, also wertlos zu machen, weil diese in der Sitzvergabe keine Rolle spielt. Auch in diesem Fall könnte die vorab beschriebene grundsätzliche Orientierung „Links, Rechts oder Mitte“ eine Hilfe sein. Um auch hier Ihre Stimme wirksam werden zu lassen, können Sie sich für eine Partei oder Gruppierung entscheiden, die Ihrer Grundsatzentscheidung am ehesten entspricht oder nahe kommt. Damit haben Sie zwar nicht Ihre Wunschpartei gewählt, aber Ihre auserwählte Richtungsentscheidung getroffen. Ihre Stimme war im jeden Fall nicht vergebens.

Wählen: Grundsatzentscheidung für einen demokratischen Staat

Ihnen ist die Teilnahme an einer Wahl zu beschwerlich, zu kompliziert? Sie haben „keinen Bock“ darauf, dieses „Theater“ mitzumachen? Natürlich haben Sie das Recht, so zu denken oder so zu handeln. Haben Sie aber die Folgen  bedacht?

Wir haben ein Wahlsystem, dass sich in Erst- und Zweitstimmen aufteilt. Danach bekommt eine Partei (in der Vergangenheit im Bund die UNION) durch die Gewinnung der Erststimmen zunächst mehr Sitze, als ihr rechnerisch nach dem Zweitstimmen-Ergebnis (Liste) zustände. Um hier das Macht-(Ergebnis-)Gefüge nicht zu verschieben, erhalten die Parteien und/oder Gruppierungen, die ihre Stimmenanteile über die Liste, also die Zweitstimmen erhalten haben, sogen Ausgleichsmandate, um die Relation nach dem Zweistimmenergebnis auszutarieren.

Wenn  Sie also nicht wählen gehen, fällt Ihre Nicht-Stimme in der prozentualen Sitzverteilung womöglich jenen Parteien oder Gruppierungen zu, die Sie überhaupt nicht im Parlament vertreten wissen wollten. Sie haben also mit Ihrer Nichtwahlbeteiligung unter Umständen Ihren politischen Gegner begünstigt. Das erleichtert nicht gerade die Glaubwürdigkeit Ihrer möglichen Kritik an neugeordneten politischen Strukturen nach einer Wahl.

Prozentuale Sitzverteilung nach der tatsächlichen Wahlbeteiligung

Ihre Nichtwahlbeteiligung könnte dann Sinn machen, wenn wir in einem (neuen) Wahlsystem die Vergabe der Parlamentsitze prozentual nach der Beteiligung aller Wahlberechtigten an einer Wahl vergeben würden. Also: 68 Prozent der Wahlberechtigten geben ihre Stimme ab, ergo werden 68 Prozent der zu besetzenden Sitze vergeben.

Soweit sind wir aber in unserem demokratischen Staatswesen noch nicht, obwohl diese Gestaltung enorme positive gesellschaftliche Energien freisetzen würde.

Daher meine Bitte: Gehen Sie zur Wahl. Beteiligen Sie sich an diesem Prozess der Mitbestimmung (trotz aller Ecken und Kanten). Und bedenken Sie: Sie können sehr wohl „strategisch“ wählen. Sie müssen nur wollen.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.668).

Veröffentlicht von redaktionhoheneckerbote

1944 im schlesischen Bad Landeck (heute Polen) geboren, in Berlin aufgewachsen. Erstes Interesse für Geschichte und Politik durch Ungarn-Aufstand 1956. 1958 Deutschlandpapier zur möglichen Lösung der "Deutschen Frage". Ab 1961 Gewaltloser Kampf gegen die (Berliner) Mauer. 1965 Verhftung durch DDR-Organe am Checkpoint Charlie nach Demo für die Freilassung politischer Gefangener in der DDR; 1966 Urteil in Ost-Berlin: 8 Jahre Zuchthaus; Oktober 1966 Freikauf. Bis 1989 weiterhin Demos an der Mauer in Berlin; am 13.08.1989 "Der Mann vom Checkpoint Charlie". Anfang der sechziger Jahre erste eigene Veröffentlichungen in Druck-Medien. Seit 2011 im Internet unter Redaktion Hohenecker Bote.

2 Kommentare zu „Bundestagswahl 2021:

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