Reinhart Schult: Aufrechter, unbeugsamer ehem. DDR-Bürgerrechtler ist tot

Bernau/Potsdam/Berlin, 27.09.2021/cw – Der Bürgerrechtler und Politiker Reinhard Schult (* 23.09.1951 Berlin-Spandau; † 25.09.2021) ist nur zwei Tage nach seinem 70. Geburtstag nach schwerer Krankheit in Bernau b. Berlin gestorben.

Digitales Kondolenzbuch für Reinhard Schult

Bereits als Kind wurde Schult durch die Kenntnis der Fluchtpläne seiner Mutter, einer Krankenschwester in Berlin-Kaulsdorf, mit der Problematik der deutschen Teilung konfrontiert. Diese Flucht scheiterte ausgerechnet am 13. August 1961, nachdem die DDR ihre Stacheldrahtzäune rund um West-Berlin gezogen hatte, die wenig später durch den Bau der Mauer ersetzt wurden.

Schon bald darauf betätigte sich Schult in der Jungen Gemeinde. Da er wegen „mangelnder gesellschaftlicher Tätigkeit“ keine Zulassung zur Erweiterten Oberschule erhalten hatte, wählte er die Ausbildung zum Baufacharbeiter, um danach einige Monate evangelische Theologie am Sprachenkonvikt in Berlin zu studieren.

Mitte der siebziger Jahre verweigerte der junge Mann den Waffendienst in der NVA (Nationale Volksarmee) und war von 1976 bis 1978 Bausoldat beim Kommando der Grenztruppen. Der Dienst als Bausoldat bot DDR-Bürgern eine Möglichkeit, den Kriegsdienst mit der Waffe zu verweigern, diese Möglichkeit gab es sonst keinem anderen Land im Kommunistische Machtbereich. Es handelte sich dabei um keinen zivilen Wehrersatzdienst wie z.B. in der Bundesrepublik Deutschland. Allerdings konnte ein Dienst als Bausoldat nachteilige Auswirkungen auf Ausbildungs-, Studiums- und Aufstiegschancen haben. Viele Bausoldaten trugen zur Entwicklung der späteren Opposition in der DDR bei und gehörten so aufgrund ihrer grundsätzlichen Einstellung zur Gewaltlosigkeit zu den Wegbereitern der Friedlichen Revolution von 1989.

„Inspiratoren/Organisatoren politischer Untergrundtätigkeit“

 Ab 1978 engagierte sich Reinhard Schult nicht ohne Folgen in verschiedenen oppositionellen Gruppen. 1979/80 verbüßte er aufgrund von „Verbreitung illegaler Literatur“ eine achtmonatige Freiheitsstrafe.In einem Bericht vom 1. Juni 1989 wurde Reinhard Schult vom Ministerium für Staatssicherheit zum „harten Kern“ seiner Gegner gezählt:

Etwa 600 Personen sind den Führungsgremien zuzuordnen, während den sogen. harten Kern eine relativ kleine Zahl fanatischer, von sogen. Sendungsbewußtsein, persönlichem Geltungsdrang und politischer Profilierungssucht getriebener, vielfach unbelehrbarer Feinde des Sozialismus bildet. Dieser Kategorie zuzuordnen sind ca. 60 Personen, u. a. die Pfarrer Rainer Eppelmann, Wolfram Tschiche und Christoph Wonneberger sowie Gerd und Ulrike Poppe, Bärbel Bohley und Werner Fischer; die Personen Wolfgang Rüddenklau,  Schult, Thomas Klein und Heiko Lietz. Sie sind die maßgeblichen Inspiratoren/Organisatoren politischer Untergrundtätigkeit und bestimmen mit ihren Verbindungen im Inland, in das westliche Ausland und zu antisozialistischen Kräften in anderen sozialistischen Staaten die konkreten Inhalte der Feindtätigkeit personeller Zusammenschlüsse und deren überregionalen Aktionsradius.“ (Quelle: BStU)

Reinhard Schult hatte sich in der DDR-Widerstandsbewegung der 1980er Jahre unter anderem im Friedenskreis Friedrichsfelde, in der Gruppe Gegenstimmen und der Kirche von Unten engagiert. Dabei gehörte Schult zu denjenigen, die eine Zusammenarbeit subversiver Gruppen mit der Ausreise-Bewegung entschieden ablehnten, aber dennoch auf eine revolutionäre Umgestaltung der DDR hinarbeiteten. So stammte die Idee, über den illegalen Piratensender Schwarzer Kanal ab Herbst 1986 ein Programm auszustrahlen, von Reinhard Schult. Zusammen mit einer Gruppe von Dissidenten schrieb er systemkritische Texte, die vom Dachboden eines grenznahen Hauses in West-Berlin gesendet wurden. Ein Jahr später organisierte er den Kirchentag von Unten mit und gehörte zu den Initiatoren der Kirche von Unten.

1989 war er Gründungsmitglied der Bürgerbewegung Neues Forum und vertat diese am sogen. Zentralen Runden Tisch. Für den 15.Janaur 1990  rief Schult mit dem Neuen Forum zu einer Demonstration vor der Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg auf, die in eine Besetzung mündete und eine Weiterarbeit des DDR-Sicherheitsdienstes unterband. Von März bis Oktober 1990 war er Abteilungsleiter im Staatlichen Komitee zur Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR.

Im September 1990 besetzte er mit anderen Bürgerrechtlern, u.a. Bärbel Bohley, Wolf Biermann und Katja Havemann erneut die ehemalige Stasi-Zentrale. Die Protestanten wollten damit erreichen, dass die Stasi-Akten nicht gesperrt, sondern künftig der persönlichen und gesellschaftlichen Aufarbeitung und Erforschung der SED-Diktatur dienen sollten. Diese Absicht wurde endlich mit der Bestellung des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, dessen Arbeit zum 17. Juni 2021 eingestellt wurde, erreicht.

Mitglied im Abgeordnetenhaus von Berlin

Nach dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland (Wiedervereinigung) am 3. Oktober 1990 gehörte Schult von 1991 bis 1995 als Abgeordneter der Gruppe Neues Forum/Bürgerbewegung dem Berliner Abgeordnetenhaus an. Er wirkte u.a. im Vorstand des Bürgerkomitees „15. Januar“ e. V. mit, das auch die Aufarbeitungs-Zeitschrift Horch und Guck herausgab.

Auch aktuell wirkte Schult an demokratischen Protestbewegungen mit, so in den Jahren der Regierung Schröder (1998 – 2005), als er sich mit dem Neuen Forum an den Protesten gegen die Agenda 2010 und gegen die Hartz-Gesetze beteiligte. Bis zu seiner Verrentung arbeitete Reinhard Schult bei der Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistische  Diktatur in Brandenburg als Berater ehemaliger Opfer der SED-Diktatur in Fragen der Rehabilitation.

Ab 1995 lebte er in Fredersdorf in der Uckermark /Brandenburg. Einige Jahre später zog er in die Nähe von Bernau, wo er in der Nacht zum vergangenen Sonntag verstarb.

Maria Nooke, die derzeitige Landesbauftragte in Brandenburg, würdigte den Verstorbenen in einem Nachruf:

„Unser ehemaliger Kollege, Weggefährte und Freund Reinhard Schult war einer der aufrechten, unbeugsamen DDR-Bürgerrechtler, der immer zu seinen Idealen stand. Trotz vielfältiger Repressionen wandte er sich unerschrocken gegen das SED-Regime und trat konsequent für eine Veränderung der DDR-Gesellschaft ein. … Er war einer der ersten Mitarbeiter der Beauftragten des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, die im Jahr 2010 ihre Arbeit aufnahm. Schon zuvor hat er – angebunden beim Berliner Landesbeauftragten – Menschen in Brandenburg beraten, die in der SBZ/DDR von politischem Unrecht betroffen waren. Er hat ihnen zugehört, sie bei der Klärung ihrer Schicksale und der Einsicht in Stasi-Unterlagen unterstützt sowie in Fragen der Rehabilitierung und Entschädigung der Folgen des erlebten Unrechts beraten. 2014 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. Dass wir heute frei wählen können, ist auch ein Verdienst von Reinhard Schult. Unsere Anteilnahme gilt allen, die um ihn trauern.“

Dietmar Woidke: Ohne Schult keine Friedliche Revolution

In den zahlreichen Nachrufen würdigte auch der Ministerpräsident von Brandenburg, Dietmar Woidke (SPD) den Verstorbenen als„wichtigen Aktivisten der Friedens- und Menschenrechtsbewegung in der DDR. Ohne engagierte Menschen wie Reinhard Schult hätte es die Friedliche Revolution nicht gegeben. Trotz Inhaftierung mit 28 Jahren wurde er nicht müde, auf die Missstände des DDR-Staates aufmerksam zu machen.“

Auch der Berliner Landesbeauftragte Tom Sello würdigte Schult: „Dass wir heute die Stasi-Akten einsehen können, haben wir auch ihm zu verdanken. Reinhard hat vielen Menschen in Berlin und Brandenburg bei Fragen von Rehabilitierung und Entschädigung geholfen“, erinnert Tom Sello an den einstigen Kollegen. „Weil es bis 2010 in Brandenburg keinen eigenen Aufarbeitungsbeauftragten gab, bot Schult im Auftrag des Landesinnenministeriums regelmäßig Beratungen für Verfolgte der SED-Diktatur in den brandenburgischen Städten und Gemeinden an. Im Jahr 2010 wechselte Schult dann zur neu geschaffenen Behörde der Beauftragten des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur nach Potsdam.“

Die Robert-Havemann-Gesellschaft hat ein „Digitales Kondolenzbuch“ für Reinhard Schult eingerichtet: https://www.havemann-gesellschaft.de/in-memoriam/digitales-kondolenzbuch-fuer-reinhard-schult/ .

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.669).

Veröffentlicht von redaktionhoheneckerbote

1944 im schlesischen Bad Landeck (heute Polen) geboren, in Berlin aufgewachsen. Erstes Interesse für Geschichte und Politik durch Ungarn-Aufstand 1956. 1958 Deutschlandpapier zur möglichen Lösung der "Deutschen Frage". Ab 1961 Gewaltloser Kampf gegen die (Berliner) Mauer. 1965 Verhftung durch DDR-Organe am Checkpoint Charlie nach Demo für die Freilassung politischer Gefangener in der DDR; 1966 Urteil in Ost-Berlin: 8 Jahre Zuchthaus; Oktober 1966 Freikauf. Bis 1989 weiterhin Demos an der Mauer in Berlin; am 13.08.1989 "Der Mann vom Checkpoint Charlie". Anfang der sechziger Jahre erste eigene Veröffentlichungen in Druck-Medien. Seit 2011 im Internet unter Redaktion Hohenecker Bote.

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